Allein spielen kann das Akkordeon und dabei eine ganze Orchesterlandschaft imitieren – oder es träumt ganz leise für sich hin. Die Landesmusikräte haben das Akkordeon zum Instrument des Jahres 2026 gekürt, das gaben sie am Montag bekannt. Ein Alleskönner, der auf großen Bühnen rockt und in kleinen Wohnzimmern rührt. Doch dieses Instrument hat noch mehr zu bieten.
Eine Wiener Erfindung erobert die Welt
Das Akkordeon ist ein echtes Wiener Original. Am 23. Mai 1829 meldete der Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian zusammen mit seinen Söhnen Carl und Guido das „Accordion“ zum Patent an. Der Name sagt schon alles: Das Instrument spielt zu jeder Melodie gleich den ganzen Akkord mit. In der Patentschrift wird es als Gerät beschrieben, „welches die Form eines kleinen Kästchens hat, worin Federn auf Stahlplatten samt einem Blasebalg angebracht sind, und zwar dergestalt, daß es bequem eingesteckt werden kann“.
Besonders kurios: In den ersten Modellen kann man vor allem die Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ spielen – eine politisch korrekte Produktentscheidung für die damalige Zeit. Das Lied wird später zur Melodie der deutschen Nationalhymne.
Das physikalische Paradoxon im Inneren
Im Inneren des Akkordeons passiert etwas Überraschendes. Wenn Luft auf die Stimmzunge trifft, würde man denken, sie biegt sich nach außen. Aber sie wird nach innen gezogen und schwingt dann zurück. Das nennt sich „aerodynamisches Paradoxon“ und jeder kennt es: Die Tür knallt zu, obwohl Wind durchs offene Fenster hereinströmt.
Die Stimmzungen aus Federstahl oder Messing funktionieren nach demselben Prinzip wie ein Lineal, das über eine Tischkante gehalten wird: je nachdem, wie lang sie sind, klingen sie höher oder tiefer. Bei den ganz tiefen Tönen befestigen die Handwerker kleine Gewichte dran, sonst müssten diese Stimmzungen viel zu lang werden.
Vom Volksinstrument zum Pop-Star
Das Akkordeon hat sein verstaubtes Image längst abgeworfen. Der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001) machte das Instrument weltberühmt. Komponist Yann Tiersen schrieb Akkordeon-Walzer, die jeder kennt – und verankerte sie als musikalischen Inbegriff für Frankreich in den Köpfen der Hörerinnen und Hörer.
Auch in Rock und Pop taucht das Instrument immer häufiger auf. Musiker wie der Franzose Richard Galliano oder Otto Lechner aus Österreich zeigen, was wirklich geht – von Bach über Pink Floyd bis zu komplexem Jazz. Galliano erfand sogar seinen eigenen Stil, den „New Jazz Musette“, und zählt zu den bedeutendsten Jazz-Musikern Europas. Auch die US-Folkband „Beirut“ hat das Akkordeon in mehreren ihrer Songs verewigt.
Sowohl als Soloinstrument als auch im kammermusikalischen Kontext und im Ensemble kann das Akkordeon mit einer vielfältigen authentischen Literatur aufwarten. Gleichwohl ist es reizvoll, über die eigenständige, etwa 100-jährige Literaturgeschichte hinaus auch andere, vor allem ältere Quellen für das Akkordeon zu erschließen.
Viele Komponisten vor allem des Frühbarock und der Zeit davor haben nicht explizit für ein bestimmtes Instrument geschrieben. Im Zentrum stand die „reine“ Musik, und sie wurde mit den zu der Zeit verfügbaren Instrumenten realisiert. Wiedergaben mit dem Akkordeon sind legitim, und es gibt viele Beispiele geglückter Interpretationen von Werken aus dieser Epoche.
Die technische Verwandtschaft mit der Orgel – teilweise wurden ja auch schwingende Zungen in Orgeln selbst verbaut – legt die Transkriptionen von Orgelliteratur aus allen Epochen nahe – von Sweelinck bis Messiaen. Es gibt geglückte Versuche solistischer Transkriptionen. Werkgetreu umsetzbar allerdings sind Orgelwerke in der klassischen Ensemblestruktur des Akkordeons. Der Klang ist dem der Orgel verwandt, allerdings etwas feiner und transparenter, da bei der Orgel die Farbe des Klangs und die Lautstärke nur indirekt über die Registrierung beeinflussbar sind. Das Akkordeon dagegen ermöglicht durch den unmittelbaren Balgdruck eine differenzierte Kontrolle der Lautstärke.